MELSUNGEN: NORDHESSEN GESCHMACKVOLL

11. Oktober 2016

Nach knapp vierzig Minuten Autofahrt waren wir in Melsungen angekommen. Bevor wir uns unseren Weg in die malerische Altstadt bahnten, wollten wir unbedingt von der Bartenwetzer-Brücke auf die Fulda blicken. Bei blauem Himmel und Sonnenschein zeigt sich der Fluss von seiner besten Seite, ist sein Wasser hier ganz seicht und klar. Während ich neben ein paar Schwänen einen Angler knietief im Wasser stehen sah und ihn beim Fischen beobachtete, turnte Sebastian vor einer Bronzefigur herum. Der Mann mit Axt in der Hand, um jetzt nicht gleich an einen Horrorfilm denken zu müssen, stellt einen Bartenwetzer dar. So nannte man früher auch die Melsunger, da im Mittelalter die meisten Bewohner der Kleinstadt vom Holzeinschlag lebten. Bevor sie in den Wald zum Holzschlagen aufbrachen, trafen sie sich morgens zum wetzen ihrer Barten an der steinernen Brücke, die dieser Tradition nun ihren Namen zu verdanken hat. Wenn man genau hinsieht, kann man sogar noch die Schleifmulden der Äxte erkennen. Aber genug der Landschaft und der Geschichte, denn unser Besuch in Melsungen hatte einen bestimmten Grund: Vergangenen Sonntag fand dort das 12. Nordhessische Spezialitätenfestival statt.

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Von der Gruppe Slow Food Nordhessen, die das beliebte Festival ausrichtet, wurden auch in diesem Jahr regionale Lebensmittelhersteller eingeladen, deren Erzeugnisse nach den Slow Food-Prinzipien „gut, sauber und fair“ hergestellt sind. So konnten wir an fünfzig Ständen rund um das Melsunger Rathaus Nordhessen geschmackvoll erleben. Es ist immer wieder überraschend, was alles aus unserer Region kommt – von der typischen Wurst bis zum schmackhaften Gemüse.

Einer unserer Lieblingsstände war der von „Knofi & so“ aus Witzenhausen. Geschmückt mit Blumen, bunten Kürbissen und Chilis, konnte man sich gar nicht entscheiden, wo man zuerst hinsieht. Neben Blumen und Gemüse, im Schwerpunkt Knoblauch und Fruchtgemüse, produziert Knofi & so auch vegane Brotaufstriche, Chilisaucen, eingelegten Knoblauch und frische Aioli. Letztere hat Sebastian in einer veganen Variante probiert und als sehr lecker befunden. Natürlich stammt alles aus eigenem Anbau – die Produkte sind sogar frei von Konservierungs-, Aroma- und Zusatzstoffen. Das gefällt uns! Ein paar Schritte weiter finden wir auch Früchte, die man schöner in keinem Supermarkt findet: Die Äpfel vom Waldhof, einem Demeter-Saatgutbetrieb in Kassel, sehen aus wie gemalt. Während hier nur ein paar Sorten zum Verkauf angeboten werden, gedeihen neben Pflaumen, Zwetschgen und Kirschen über 35 Apfelsorten und 10 Birnensorten auf dem Waldhof.

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Die Herbstsonne angenehm warm, tummeln sich an diesem Sonntag wirklich viele Menschen durch die Melsunger Gassen. Während vor dem Rathaus eine kleine Bühne aufgebaut ist, wird auch zwischen den Ständen für Stimmung gesorgt: Prinz Persico & die roten Schuhe sorgten für musikalische Untermalung, während wir über Knoblauch fachsimpelten. Verfeinert das Gemüse regelmäßig unsere Soßen und Salate, lernen wir, dass Knoblauch nicht gleich Knoblauch ist. Der Knoblauch von Knoblauchkult wird mit viel Handarbeit aufgezogen und nach der Ernte mit der ganzen Pflanze getrocknet, damit die Knollen in besonders guter Qualität erhalten bleiben. Bei den Witzenhäusern findet ihr Knoblauch von scharf bis süß-aromatisch.

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Was wir leider nicht fotografieren konnten, war der verführerische Duft von leckerem Essen, der sich zwischen den Fachwerkhäusern ausbreitete. Denn an den vielen Ständen konnte man nicht nur Essen zum Mitnehmen kaufen, es wurden auch nahezu überall frische Gerichte angeboten. Vom klassischen Bratwürstchen, dem mit Räucherforelle belegeten Brötchen und der frisch gebackenen Waffel reichte das Angebot über Kuchen bis Käse. Letztgenannten wollten wir probieren, weshalb wir uns am Stand der nordhessischen Käsemanufaktur vom Kirchhof aus Alheim-Oberellenbach einfanden. Zum sofortigen Genuss wurde ein großer Käsespieß, Racelette oder Bauern-Camembert angeboten. Obwohl wir am liebsten alle drei Gerichte probiert hätten, entschieden wir uns beide für einen Bauern-Camembert. Aus Rohmilch der Kirchhof-Kühe hergestellt, wird der Camembert hier kurz in Milch gewälzt und mit Roggenschrot paniert. Nachdem er im heißen Fett schön braun frittiert wird, ist sein Inneres schön cremig und weich – so landet der Käse auf unseren Tellern. Dazu ein großer Löffel Wildpreiselbeeren und eine Scheibe frisches Brot, genießen wir jeden Happen. Das Stück Käse war für vier Taler nicht gerade klein, weshalb wir mehr als gestärkt und mit einer neuen Erkenntnis zu unserer zweiten Runde über den Markt aufbrachen: Nordhessen ist noch viel leckerer, als wir gedacht haben.

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Für die kleinen Feinschmecker gab es übrigens einige Mitmachaktionen. Die reichten von Angeboten zur Herstellung von guten Lebensmitteln im Backofen und an der Obstpresse bis hin zur Holzschnitzaktion von der Zimmerei Jörg Hohmeister aus Bebra. Hier hatten auch so manche Erwachsene Freude am Werken.

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Und wie sollte es anders sein, da fährt man aus Kassel weg und trifft doch ein paar bekannte Gesichter: Neben dem craftBee-Stand, an welchem zahlreiche Schlückchen des flüssigen Goldes zum Probieren ausgeschenkt wurden, bekam auch der Kasseler Honig in all seinen Variationen viel Aufmerksamkeit. Interessant und informativ war auch der Stand vom Hof Hufmann aus Alheim-Oberellenbach. Gemüse und Kartoffeln wachsen dort auf einer Ackerfläche, die ganz ohne den Einsatz von Traktoren bearbeitet wird. Nur Pferde und menschliche Muskelkraft kommen zum Einsatz – sehr beeindruckend. Während in Oberellenbach im Juli 2015 der Einstieg in die Solidarische Landwirtschaft gelang, konnte der Stand einen Ansatz, passend zum diesjährigen Schwerpunktthema des Festivals, präsentieren: „Neue Ansätze in der Landwirtschaft und in der Vermarktung“. Als Ansatz ist die solidarische Landwirtschaft (kurz umrissen) ein Konzept der Erzeugung und Verteilung von landwirtschaftlichen Produkten, wobei Verbraucher und Erzeuger eine Interessengemeinschaft bilden, in der Nutzen und Risiko gerecht auf alle verteilt werden. Während eine Gruppe von Verbrauchern die Kosten eines Hofes für ein Wirtschaftsjahr im Voraus finanziert, erhält diese im Gegenzug die Ernte des Hofes – so kann lokales Gemüse, ökologisch und in hoher Qualität angebaut werden, ohne dass Landwirte und Gemüsegärtner bei den Weltmarktpreisen mithalten müssen. Auf einem der Bilder könnt ihr eine wöchentliche Lieferung der SoLaWi bewundern – eine gute Sache!

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Nach Hause ging es natürlich nicht ohne Ausbeute. Auch wenn schwer war, sich für einen Stand einer bestimmten Metzgerei zu entscheiden, stellten wir uns bei der Metzgerei Wiegand aus Wabern-Harle in die Schlange. Zwei feste Stracke, bitte! Für den Nordhessen ganz eindeutig, mag schon so mancher Niedersachse verwirrt sein, was wir damit meinen: Eine Wurstspezialität, die in Nordhessen (ok, auch im Eichsfeld) hergestellt wird. Grob gekörnt und schnittfest, nennen wir die Rohwurstsorte liebevoll „Ahle Wurscht“, „Ahle Worscht“ oder was es da sonst noch so für Kombinationen gibt. Eine Stracke wäre dann die gerade Version, wobei die Runde (Überraschung!) rund ist. Für alle von anderswo – diese nordhessische Spezialität mit Tradition müsst ihr unbedingt probieren!

Genug der Schwärmerei – die Stracke schmeckt übrigens ganz fantastisch – müssen wir unser Fazit ziehen: Das Spezialitätenfestival könnte der kulinarische Höhepunkt unseres Jahres gewesen sein. Bis zum nächsten Jahr im schönen Melsungen (sieh nur die Architektur!) können wir nur in Erinnerungen schwelgen und diese Fotos bestaunen… war das ein toller Ausflug!

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Weit über die Stadtgrenzen hinaus trifft man Menschen, die Kassel nur als Stadt mit dem zugigen Bahnhof kennen. Und vor Ort beklagt man sich über das vermeintlich hässliche Stadtbild mit der eigentlich schmucken Architektur der 50er Jahre. Doch die Waschbärenhauptstadt ist in Wahrheit nicht bloß schön, nein, sie hat sogar einiges zu bieten - deshalb wurde 2016 "Fuldaufer" von Lena Gehrmann und Sebastian Tam gegründet. Sie zeigen, wie und wo sie Kassel erleben und bieten Inspiration für Kassel-Bewohner und -Besucher. Erlebt Kassel mit ihnen: Kreuz und quer, kulinarisch und kulturell!

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