ZEITREISE DURCH (DAS STADTMUSEUM) KASSEL

15. Februar 2017

Kassel wurde erstmals 913 urkundlich erwähnt. Das ist ganz schön lang her, wenn man bedenkt, dass wir jetzt 2017 haben. Von der Nachkriegszeit konnte mein Opa mir immer viele Geschichten erzählen, doch darüber hinaus wurde es immer eng. Menschen werden alt und irgendwann nehmen sie ihre Erinnerungen mit ins Grab, so herbe es auch klingen mag. Was aber bleibt sind Bilder – mal schon Fotos, mal noch Scherben, vielleicht ein Brief oder ein silberner Löffel. Es sind kleine Schätze, die uns ermöglichen, etwas über vergangene Zeiten zu erfahren. Und so wie ich die alten Fotoalben meiner Großeltern mit all‘ den Geschichten ihrer Zeit für die Ewigkeit beschütze, beherbergt das Stadtmuseum weit mehr als das Leben einer einzigen Familie. Im Stadtmuseum, dass im Sommer 2016 nach einer umfangreichen Sanierung wiedereröffnet wurde, wartet die Geschichte einer ganzen Stadt. Das Museum ist der wahrhaftige Gedächtnisspeicher einer vergangenen Zeit bis zum Jetzt, dem jeder Kassel-Bewohner und -Besucher einen Besuch abstatten sollte. Neben wechselnden Sonderausstellungen (aktuell „Dein! Stadtmuseum“ bis 17. April) lädt die Dauerausstellung zu einer Zeitreise ein. Gegliedert in drei Abteilungen auf drei Ebenen, erhält man Einblicke in die Geschichte von Kassel. Los geht es im Erdgeschoss: Die Residenzstadt Kassel.

Der Fokus liegt hier – klar – auf Kassel als Residenzstadt der hessischen Landgrafen. Wie begann es mit unserer Stadt? Oder besser: So sah sie im 18. Jahrhundert mal aus? Vor allem die Modelle sind sehr eindrucksvoll und sorgen für den ein oder anderen Gedanken-Spagat. Hausmodelle und Malereien lassen einen ins Schwärmen geraten. Oh, eine Schublade! Denn bei aller Anschaulichkeit muss man Hintergrundinformationen nicht missen.

Ein paar Stufen weiter oben (es gibt auch einen Fahrstuhl!) wartet die zweite Abteilung auf uns: Der Aufstieg des Bürgertums. Hier wird der Kampf der Kasseler Bürger um Bürgerrechte und politisches Mitspracherecht im 19. Jahrhundert anschaulich dargestellt. An der einen Wand dokumentiert eine übergroße Zeitung das Zeitgeschehen, während auf der gegenüberliegenden Seite verschiedene Kulissen meine Aufmerksamkeit erhaschen – sie zeigen die Inneneinrichtung der Stadtbewohner zwischen Biedermeier und Gründerzeit. Leise ertönen Geräusche, zum Beispiel das Surren einer Nähmaschine, die die Kulissen zum Leben erwecken. Gleich um die Ecke im Zeitalter der Industrialisierung angekommen, ist Sebastian fast schon sportlich am kurbeln. Durch das Bewegen der Kurbel leuchteten diverse Kasseler Industrien auf einer Karte auf. Auch vor meiner Nase gingen ein paar Lämpchen auf – an meinem „Lieblingsspielzeug“ im Museum. Hier gilt es, die heutigen Bauwerke in Kassel mit ihren Vorgängern in Verbindung zu bringen. Bei dieser Art Memory leuchtet bei einem passenden Paar auf der Stadtkarte ein Lämpchen auf. Oh schande, wie sehr viel schöner Kassel mal war, bevor es so schön war wie jetzt. Aber das solltet ihr euch lieber selber mal zu Gemüte führen. Von so viel Interaktivität im Museum begeistert, stapfen wir in Richtung Gegenwart.

Wenn man nicht mit dem Fahrstuhl fährt, gelangt man durch das eine oder andere Treppenhaus nach oben. Also auch die Architektur-Fans kommen bei ihrer stadtgeschichtlichen Bildungsreise auf ihre Kosten. „Krieg und Frieden“ heißt es im zweiten Obergeschoss. Beim Eintreten in die dritte Abteilung überrascht uns eine Videoinstallation, die die volle Raumbreite einnimmt. Auffallend dunkel ist es hier, aber nicht nur wegen des Projektors: Auswirkungen des ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik, sowie der Weg in den Nationalsozialismus warten hinter der Videowand. Bedrückend ist es hier. Fast schon mahnend wird man von den hohen, gläsernen Vitrinen umringt. Besonders ergreifend erscheint dann aber das Modell der kriegszerstörten Stadt Kassel im Mai 1945. Alles liegt in Schutt und Asche, an der Wand liest man bedrückende Fakten.

Nach dem Dunkeln muss aber immer wieder die Sonne scheinen. Oder so. So in etwa wurde zumindest der Übergang vom Weltkrieg in die Trümmerjahre dargestellt – einen kurzen Moment braucht man, um die vorherigen Eindrücke zu verarbeiten und den Blick auf das Helle zu richten: Im letzten Raum durchläuft man die Zeit des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders und am Ende dieses Jahrhunderts steht schließlich der Mauerfall und die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands.

Nach dem Durchlaufen der drei Abteilungen hat man viel gesehen, viel erfahren aber vielleicht auch manches zu verarbeiten – am besten setzt man sich dafür kurz hin uns lässt die Seele baumeln. Im wunderschönen Turm des Stadtmuseums wartet dafür ein lichter Raum mit Sitzsäcken und Balkon. Hier soll nicht erneut auf Exponate geblickt werden – sondern der Ausblick über die Dächer der Stadt bewundert werden.

Fazit: Liebe auf den ersten Blick.

Im Stadtmuseum lässt es sich echt aushalten – finden auch Ephesus und Kupille, wie ihr seht. Die beiden trefft ihr in der Sonderausstellung „Dein! Stadtmuseum“ an. Die lohnt sich richtig, wie wir finden. Also packt euch eure liebste Begleitung und zieht eure besten Museums-Schlappen an und besucht das Stadtmuseum am Ständeplatz am Dienstag oder Donnerstag bis Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr oder am Mittwoch zwischen 10 und 20 Uhr. Es lohnt sich!


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ÜBER FULDAUFER

Weit über die Stadtgrenzen hinaus trifft man Menschen, die Kassel nur als Stadt mit dem zugigen Bahnhof kennen. Und vor Ort beklagt man sich über das vermeintlich hässliche Stadtbild mit der eigentlich schmucken Architektur der 50er Jahre. Doch die Waschbärenhauptstadt ist in Wahrheit nicht bloß schön, nein, sie hat sogar einiges zu bieten - deshalb wurde 2016 "Fuldaufer" von Lena Gehrmann und Sebastian Tam gegründet. Sie zeigen, wie und wo sie Kassel erleben und bieten Inspiration für Kassel-Bewohner und -Besucher. Erlebt Kassel mit ihnen: Kreuz und quer, kulinarisch und kulturell!

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