SO KLINGT DER FRÜHLING IM PARK SCHÖNFELD

12. April 2018

Auch wenn eine Kulturhauptstadtbewerbung Kassels nicht erfolgreich ist – oder wie zuletzt – erst gar nicht richtig in Gang kommt: Wir können nichts verlieren, wir können nur gewinnen.

So geschehen 2002, als Walter Sons im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung die Idee für „Klangobjekte im öffentlichen Raum“ vorgestellt hat. Auch wenn uns der europäische Titel damals vergönnt blieb, hat Walter Sons mit Beteiligung einiger engagierter Bürger die Waschbärenhauptstadt um einen Klangpfad bereichert. Dieser befindet sich im Park Schönfeld, am Rande des Stadtteils Wehlheiden, und ist vor allem jetzt im Frühling einen Besuch wert. Denn die Klänge der zurzeit neun Klanginstallationen (eine weitere soll wohl bald folgen) intensivieren sich besonders im Zusammenspiel mit den Klängen der Natur – und wann klingt diese schöner als im Frühling, wenn Knospen explodieren und Amselküken schlüpfen?

Natürlich haben wir uns für den Besuch im Park Schönfeld einen sonnigen Tag ausgesucht, so wundert es nicht, dass hier gefühlt die ganze Familie ihren Nachmittag verbringt. Die Hunde tollen auf der Wiese, Kinder bestaunen Enten und Wildgänse im Teich, Eltern recken ihre Nasen in die Luft und genießen die ersten warmen Sonnenstrahlen. Ab und an kommt uns ein Jogger entgegen und obwohl der Park direkt an die viel befahrene Frankfurter Straße anschließt – diese Idylle lässt Raum zur Entschleunigung.

Wir wären nicht die documenta-Stadt Kassel, wenn auch Entschleunigung nicht auf irgendeine Weise in direkte Verbindung mit Kunst gebracht werden kann: Die Klanginstallationen wurden nämlich von den Künstlern Karl-Josef Dierkes, André Füsser, Olaf Pyras, Werner Redeker, Gunnar Ravn und Michael Wilkens gestaltet und behutsam in die Parkumgebung eingefügt. So, dass die sinnliche Wahrnehmung, das bewusste Hören und die musikalischen Gestaltungskräfte beim Spaziergang nahezu von selbst aktiviert werden können. Doch wie klingen nun Stein, Holz und Metall – wie klingt die Natur?

In die eine Klanginstallation, in den Summstein, sollte man den Kopf stecken. Dass es ein bisschen merkwürdig aussieht, wenn man seinen Kopf in einen Stein steckt, könnt ihr euch wohl denken, weshalb ich euch an dieser Stelle das Foto erspare – doch was man hören kann, das ist schon beachtlich. Wenn man (mit dem Kopf im Stein) beginnt zu Summen, verstärkt sich der Klang und wandelt sich in eine Art vibrierendes Brummen. Man könnte dabei von einem regelrechten Abtauchen in eine ferne Klangwelt sprechen.

An die andere Klanginstallation, den Klangsammler, hält man besser sein Ohr. Durch eine Art Trichter, den man auf den fließenden Bach richten kann, verstärkt sich das Wassergeplätscher. Ziemlich eindrucksvoll ist das, was man hört – wenn man bedenkt, dass ein bisschen hinabfließendes Wasser einen solch kraftvollen Klang erzeugen kann. Und zwar einen ganz natürlich Klang. Spätestens jetzt sollte man nachvollziehen können, wieso der Musiker von Welt mit Wanderschuhen durch die Natur stiefelt um Klänge für seine neusten Tracks aufzunehmen. Sollte es ein Geheimtipp sein – ihr wisst es nicht von uns!

Und wer kennt es nicht? Man nehme einen Ast und einen Gartenzaun und… genau! Kindheitserinnerungen werden wach, wenn man an dem mit Edelstahlstreben versehenen Treppengeländer entlanggeht. Es klirrt herrlich schön, so, wie es sich eben für ein Klanggitter gehört. Die Treppe hinaufgestiegen, steht man direkt vor dem KlangStelenKlan, welcher neben dem Basaltfächer zu den ersten Objekten im Klangpfad gehört. Auf den ersten Blick erkennt man keinen Unterschied zwischen den fünf Stelen aus schlesischem Marmor. Doch horcht…

Wem die Ohren noch nicht klingeln, der kann sich dann musikalisch an den Basaltstelen des eben benannten Fächers ausleben. Auch wer es in der Grundschule nicht schaffte „Alle meine Entchen“ auf dem Xylophon zu spielen, kann hier eine kleine Melodie komponieren. Und wenn man bedenkt, dass ein so reiner Klang – den ihr zwar hier nicht hören könnt, der aber gewiss da ist – einem Stein entspringen kann, ist das schon beachtlich, was in der Natur so alles steckt.

Bevor es dann zum wirklichen Xylophon und damit dem neusten Klangobjekt im Park, dem Baumstamm-Xylophon ging, machten wir einen Halt am Teich. Dass die „Wasserklänge“, bestehend aus Strömungssteinen, Reibeklangstein und Hörbank mehr oder weniger „trocken“ gelegt waren, störte uns nicht. Denn Gans und Kröte wussten uns zu beschäftigen und auch, wenn ich viel und gerne in der Natur bin, weiß ich nicht, wann ich zuletzt so vielen fröhlichen Kröten begegnet bin. Ob sie tatsächlich fröhlich waren, kann ich nicht sagen, aber ich behaupte es einfach mal.

Schon ein wenig erschöpft von all der Entschleunigung im Park Schönfeld mussten wir uns zwingen, uns nicht rücklings auf die Wiese zu werfen, um ein wenig in die Sonne zu blinzeln. Denn auf uns warteten noch zwei weitere Klangobjekte: Klangbalken und EinKlang. Und während sich Sebastian beim Klangbalken ein wenig recken musste, um auch die kreisförmige Holzplatte zum Klingen zu bringen, war er von dieser sportlichen Betätigung schon bald wieder so wach, dass er voller Energie den „EinKlang“ spielen konnte. Tock, tock, tock, tock. Das machte er so gut, dass zwei Familienväter von ihm ganz inspiriert von einer Parkbank in der Nähe aufsprangen, um auch sanft und kraftvoll zugleich den „EinKlang“ zu spielen.

Wir können euch nur empfehlen, den Park Schönfeld mit seinem Klangpfad zu besuchen und sich auf die Klänge einzulassen. Das tolle ist, ihr müsst für dieses Erlebnis nicht einmal etwas bezahlen, denn der Park ist jederzeit ohne Eintritt zugänglich.


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