MANNAPUTS: VON KASSEL IN DIE WELT

18. Februar 2017

Sie sind bunt, sie sind quadratisch, sie sind klein. Naja, eigentlich messen sie sogar 8 mal 8 Zentimeter. Sie sind überall, übersehen tut man sie trotzdem ständig. Habt ihr etwa noch nie ein Mitglied der Mannaputs-Familie gesehen? Am vergangenen Wochenende haben wir die Schöpferin der farbenfrohen Kunstwerke getroffen und mit ihr über ihr Projekt „Mannaputs“ („Seelennahrung zum an die Wand machen“) gequatscht und noch viel mehr über die Person hinter den kleinen Malereien erfahren.

Dürfen wir vorstellen: Nora von der Decken. Die Dame mit dem schönsten Fensterplatz im Vorderen Westen und der Vorliebe für entspannte Posen wurde vor einigen Jahrzehnten in Kassel geboren und kehrte nach einigen Jahren nordhessischer Abstinenz zurück, um ab 1982 an der HBK Kassel zu studieren. Mit einer handvoll Kindern wurde sie in der Waschbärenhauptstadt glücklich und meistert das ganz normale Leben kunstvoll auf 220 Quadratmetern – dazu aber später mehr!

Das Projekt Mannaputs ist 2006 entstanden, eigentlich aus einem sehr offensichtlichen Einfall: Auf Toiletten hängt so wenig Kunst! Das müsse man nicht akzeptieren, muss sich Nora wohl gedacht haben. Denn sie hat, sagen wir mal aus der „Not heraus“ beschlossen, kleine Bilder zu malen und sie einfach überall hinzuhängen. Was sich einfach anhört und schön aussieht, ist aber wesentlich komplexer als gedacht.Weil wir euch jetzt mit keiner Bastelanleitung langweilen wollen, verraten wir euch nur folgendes: Die Mannaputs entstehen aus inspirierenden Fotos, Pastellkreide kommt zum Einsatz und vor allem auch die Finger. Wenn man den Satz so liest, hört sich das doch schon wahnsinnig an, oder? Und das nicht genug. Auf die Rückseite kommt neben einem selbstklebendem Halter ein Zettelchen in deutscher und englischer Sprache, welches das jeweilige Kunstwerk vorstellt und verrät, was mit ihm geschehen soll. Ja, die Dinger haben Namen. Und zwar schon um die 1480 verschiedene, denn so viele Mannaputs hat Nora bereits angefertigt. Jedes dieser kleinen Kunstwerke bennent Nora intuitiv – sie glotzt einfach drauf und dann fällt ihr ein Name ein. Dazu kommt die fortlaufende Nummer, denn Nora dokumentiert all ihre Kunstwerke. Namentlich, numerisch, auf Papier und digital. Ja, aber wozu sind diese Bildchen denn nun gut? Die Idee ist einfach, wie revolutionär zugleich: „Man muss aus sich rausgucken und sehen, wo es kleine Originale gibt, denen man sich annehmen sollte. Die meisten Menschen laufen heutzutage in ihrem Hamsterrad, haben kein Interesse an dem Leben um sie herum. Die Mannaputs sollen den Blick nach außen schärfen!“, erklärte uns Nora. Ertappt fühlt man sich gleich, weil man weiß, dass man im Treppenhaus an einem kleinen Original vorbeigetrabt ist, ohne es genau wahrgenommen zu haben.

An den unterschiedlichsten Orten werden also die Mannaputs angebracht und jeder, der sie findet, wird durch den Text auf der Rückseite aufgefordert, das kleine Kunstwerk mitzunehmen und sich um es zu kümmern. Oft gibt Nora ihren Freunden die Originale mit auf Reisen und freut sich über Fotos und Erzählungen, wo und wann sie angeklebt wurden. Kein Wunder also, dass die Mannaputs in rund 47 Ländern unterwegs sind. Und damit kein Wunder, dass ihr vielleicht noch immer IGOR dabei beobachten könnt, wie er an einer New Yorker U-Bahn seine Runden zieht. Aber was ist eigentlich aus RUMMIJ geworden, dem ersten Ritzbild, wie die Künstlerin auch ihre Bilder auch nennt, das auf einer ICE-Toilette verklebt wurde? Das steht in den Sternen. „Die Idee, wo die Mannaputs sind, was sie bewirkt haben und was die Menschen beim Finden bewegt, das ist der Hauptteil meiner Arbeit“, sagt Nora. Die, von denen Nora gehört hat, dass sie ein kleines Original gefunden haben, sind überglücklich. Seelennahrung, hier und da. Jedes einzelne Bild gehört zu einem großen, unendlichen Ganzen – Nora möchte das Projekt bis zu ihrem eigenen Ende fortführen.

Solange wird gemalt und gesammelt. Ein paar Mannaputs haben es aber nicht so weit wie IGOR geschafft, sie sind quasi „daheim“ geblieben. Nora lebt zusammen mit Till Mertens als Liebes- und Künstlerpaar seit über 25 Jahren in der Wohnung am Bebelplatz und hat dort der Kunst ein Zuhause gegeben. Ihre Wohnung ist gleichzeitig eine Galerie „Art-Privat“ – mit Ausstellungen und allem drum und dran. Neben vielen Mannaputs gibt es also noch ein bisschen mehr bei Nora zu entdecken.

 
 

Zum Beispiel das Geld. Auf der Toilette. Aber das müsst ihr euch selber mal ansehen, wenn ihr bei den beiden Künstlern vorbeischaut.

Zurück zu den Mannaputs. Rund 39 von den liebenswürdigen Originalen gibt es auch als Magnet. Als Kunstmagnet, ohja. Die sind aber nur 4 mal 4 Zentimeter groß – wahrscheinlich auch gut so, denn sonst würde der Einkaufszettel am Kühlschrank hinter den Mannaputs verschwinden. Online gibt es die kleinen zu erstehen oder – stilecht – an einer Wand klebend. Zumindest klebt der Mannaputs-Automat an der Fassade am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße 149. Besser als jeder Kaugummi-Automat, und selbst die waren schon toll.

Mit zwei Mannaputs im Gepäck verabschieden wir uns schließlich von Nora. POOPS und LIA – beiden werden wir weit über die Landesgrenzen hinaus ein neues Zuhause suchen. Wo genau, das wissen wir noch nicht. Gewiss ist, dass in Kassel so manches Kunstwerk darauf wartet, gefunden zu werden. Schaut euch nur um!


1 Kommentar

  • Nora von der Decken

    Danke für diesen spitzenmäßigen Artikel. Wenn ich mal keinen Bock mehr habe, lese ich ihn durch, lach mich kaputt und male weiter.

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