KASSEL BEI NACHT

21. Oktober 2016

Es ist 22:51 Uhr, auf dem Parkplatz ist es mucksmäuschenstill. Der Mond steht neben dem Herkules am tiefblauen Himmel und spendet ihm Licht. Am Himmel flattern Fledermäuse, schlagen schnell mit ihren Flügeln, während ich in mir ruhe. Diese Tiere haben mich schon immer fasziniert, seit ich als Kind im Naturkundemuseum aus Stoff und Papier Fledermausanhänger gebastelt habe. Gerade gilt meine Aufmerksamkeit aber nur der Stadt. Sie glitzert im Tal, in der Mitte liegt die Wilhelmshöher Allee, eine Linie, die alles zu ordnen scheint. Neben ihr schießt der grüne Laserstrahl in die Luft. Ein fast überwältigendes Gefühl überkommt mich, als mein Blick auf der schlafenden Stadt ruht. Hier oben sind ein paar Jugendliche, man hört nur ein Murmeln. Dort unten sind zweihunderttausend Menschen, Stille. Ich halte inne und atme die frische Luft tief ein, während hinter mir der Herkules mit großen Scheinwerfern angestrahlt wird. Das gleißende Licht gleicht dem in einem OP-Saal – es macht mich bedächtig, jedoch auf gute Weise. Licht ist ein immaterielles Element, zu dem wir uns alle hingezogen fühlen. Pflanzen neigen sich ihm zu, wachsen der Sonne entgegen. Unsere Gedanken fügen sich dem Licht, es gibt uns Energie oder schenkt uns ein bestimmtes Gefühl. Es besänftigt uns, macht uns nachdenklich. Manchmal lässt es uns wie eine Feder durch die Luft gleiten, bis wir sanft auf dem Boden der Tatsachen aufkommen.

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Der Blick vom Herkules auf die Stadt ist für uns Kassel-Bewohner ein großes Geschenk. Gerade bei Nacht sollte man sich dieses „Erlebnis“ nicht entgehen lassen und sich von der Atmosphäre, welche am Herkules bei über 500 Höhenmetern über dem Meeresspiegel herrscht, verzaubern lassen.

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Wenig später machen wir uns auf den Rückweg. Die Straße ist jetzt mit Nebelschwaden bedeckt, die auf dem Hinweg noch nicht da waren. Nach diesem etwas mystischen Abschied fahren wir schnurstracks in den Vorderen Westen, wo das Leben doch noch pulsiert. Die Kneipen in der Friedrich-Ebert-Straße sind gut besucht, viele Leute schlendern die Straße entlang zum Club. Wir machen ein Foto der Fassade des Gloria-Kinos, erfreuen wir uns doch immer wieder an seinem Retro-Charme. Gerade läuft „Meine Zeit mit Cézanne“, wie die Buchstaben der Leuchtreklame verraten.

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Wenige hundert Meter entfernt steht ein Mann im Kirchturm der Kirche Sankt Elisabeth. Die Plastik von Stephan Balkenhol scheint den Sternen ganz nah zu sein. Um unsere eigene Achse gedreht, blicken wir auf das Fridericianum mit dem Zwehrenturm. Der grüne Laserstrahl hat hier seinen Ursprung. Er ist Teil von der Laser-Licht-Skulptur „Laserscape“, einem Kunstwerk der documenta 6 aus dem Jahr 1977 von Horst H. Baumann, das jeden Samstag regelrecht „erstrahlt“.

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Im Hintergrund sehen wir die größte Kirche Kassels mit ihren beleuchteten Türmen: Die Martinskirche. Die kupfernen, blau-grün leuchtenden Dachhelme lassen einen die Kirche schon von weitem deutlich erkennen.

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Bevor uns unser Weg wieder in Richtung Wilhelmshöhe führt, müssen wir – na klar – einen Stopp am Fuldaufer machen. Die Karl-Branner-Brücke verbindet die Unterneustadt mit der Innenstadt. Während sie im Sommer mit ihrer warmen Beleuchtung zum Verweilen einlädt, wird hier auch an diesem frischen Herbstabend das ein oder andere Bier bei Flussblick genossen. Auf der rechten Seite das Rondell, spiegelt sich auf der linken Seite blaues Licht im Wasser. Es ist der „Blue Dancer“, eine Lichtskulptur von Kazuo Katase. Eine Balancierstange, seht ihr den Drahtseiltänzer?
Zurück im Westen der Stadt, ist der Laserstrahl wieder deutlich am sternenklaren Himmel zu sehen. Ein bisschen surreal erscheint er über den Dächern der Häuser, deren Fenster teilweise noch leuchten. Die Wilhelmshöher Allee erscheint auch leer, wenn man auf ihr steht:
Kein Mensch ist hier, nur wir. Am Horizont, der Herkules im gleißenden Licht. Kassel ist schön – besonders bei Nacht.

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1 Kommentar

  • Hi, ich wohne noch nicht lange in Kassel und habe das mit der Lasershow bisher noch nicht gesehen. Tolle Bilder! Bein nächsten Mal muss ich mir das echt mal anschauen. LG

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Weit über die Stadtgrenzen hinaus trifft man Menschen, die Kassel nur als Stadt mit dem zugigen Bahnhof kennen. Und vor Ort beklagt man sich über das vermeintlich hässliche Stadtbild mit der eigentlich schmucken Architektur der 50er Jahre. Doch die Waschbärenhauptstadt ist in Wahrheit nicht bloß schön, nein, sie hat sogar einiges zu bieten - deshalb wurde 2016 "Fuldaufer" von Lena Gehrmann und Sebastian Tam gegründet. Sie zeigen, wie und wo sie Kassel erleben und bieten Inspiration für Kassel-Bewohner und -Besucher. Erlebt Kassel mit ihnen: Kreuz und quer, kulinarisch und kulturell!

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