IM PLATTENLADEN: LOST & FOUND

04. November 2016

Vor fast 27 Jahren haben Dave und Friedrich in Kirchweg in Welheiden einen kleinen Plattenladen eröffnet. Während Dave schon zuvor einen Plattenladen betrieb, liebte er Schallplatten aus den Genres Rock, Psychedelic, Folk und Jazz. Friedrich war DJ und Konzertveranstalter im alten Spot, damals eine Punk und Alternative-Disco. So wunderte es nicht, dass er am liebsten Punk, Indie und Rockmusik lauschte – trotzdem freundete er sich mit Rap, Soul, Jazz, Death Metal, Country, Dance,.. also mit vielen anderen „Klängen“ an. Wie die Musikgeschmäcker auseinander gingen, fragte sich Friedrich, wer schon beurteilen könne, was gute oder schlechte Musik sei. Auf Grundlage dieser Überlegung beschlossen Friedrich und Dave, dass alle Musikrichtungen eine Berechtigung im Plattenladen haben sollten. Bei einem Ausflug zum Schrottplatz ergatterten die Jungs ein Dutzend alte Einkaufswagen für je fünf Deutsche Mark, die sie anschließend im Ladenlokal befestigten. Da gab es sie plötzlich, Regale, voll mit Schallplatten, Singles und den ersten CDs streng sortiert nach den verschiedensten Musikrichtungen. So trafen sich in Wehlheiden nicht nur Peter Maffay, Elvis, Beethoven, Led Zeppelin, The Beatles und Bob Marley in einem Raum. Als Treffpunkt für Musikfans aus ganz Nordhessen, wunderte es nicht, dass sich über die Jahre immer mehr Platten ansammelten. Als das neue Jahrtausend anbrach, sanken dennoch die Umsatzzahlen – wie in der gesamten Musikbranche. Während Friedrich uns Daves Plattenladen schwerpunktmäßig Vinyl anbot, schien das die falsche Entscheidung zu sein. Dave musste 2005 aus finanziellen Gründen dem Plattenladen den Rücken kehren und Friedrich musste sich Nebenjobs suchen und die Ladenöffnungszeiten drastisch reduzieren. Wir alle wissen, wie angesagt das gute alte Vinyl heute wieder ist – und dank einer guten Ankaufspolitik – haben wir noch jetzt Freude an Friedrichs Plattenladen. Da der Laden im Kirchweg aus allen Nähten platzte, ist Friedrich im August 2014 in die Friedensstraße umgezogen und öffnet dort montags bis samstags seine Ladentür in viele Jahrzehnte Musikgeschichte.

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Genug Geschichte, ein bisschen mehr Jetzt: Während immer mehr Leute Waren im Internet bestellen, werden die kleinen Lädchen zwischen den großen Ketten immer rarer. Umso lieber besuchen wir Friedrichs Plattenladen „Lost and Found“. Zuletzt waren wir an Halloween dort, was sich später als ziemlich amüsant erwies. Aber erstmal zum Laden. Bei Friedrich findet ihr neben einer Menge „alter“ Schallplatten aller Musikrichtungen auch eine erlesene Auswahl neu erschienener Langspielplatten. Schellacks, die Vorläufer der Vinyl-Platte, gibt’s wie CDs, DVDs und Videokassetten. Während im Laden nicht nur Musik verkauft wird, kauft Friedrich auch gerne Musik an: Wenn ihr eure alten Schallplatten loswerden wollt, könnt ihr euch gerne bei ihm melden. Ansonsten gibt’s im Laden gute Gespräche – und seien wir mal ehrlich: Das Stöbern in dem mehr als gut bestückten Laden mit Retro-Charme ist schon ein echtes Erlebnis. Die Platten stapeln sich in Kisten bis zur Decke, die Wände sind mit Postern und Ausschnitten tapeziert, überall gibt es etwas zu entdecken.

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Als wir vergangenen Montag im Dunkeln den Laden betraten, war einiges los. Die einen auf der Suche nach einer bestimmten Bob Marley-Platte, die anderen am Stöbern durch die Musikgeschichte. „Steht da irgendwo eine Tüte?“, fragt Friedrich. Unter einem Plattenregal hatte er sie stehen gelassen, eine Papiertüte gefüllt mit Süßigkeiten. Während er seine Kunden zum Spaß einen Halloween-Spruch aufsagen ließ und sie anschließend mit Schokolade belohnte, muss Friedrich schon eine Idee im Hinterkopf gehabt haben. Während wir an Halloween alle davon abgesehen hatten, in Gespenster-, Hexen-, oder Vampirkostüm durch die Gegend zu irren, sorgte Friedrich für etwas Verkleidungsspaß. Für einen Augenblick im Nebenzimmer verschwunden, kam er bald mit einer Box, gefüllt mit Schallplatten, wieder. Dass es sich bei den Platten um Masken handelte, merkten wir erst so richtig, als er die erste aus der Box zog: „Robert Smith! Wer möchte die aufziehen?“, fragte er ganz begeistert. Es folgten Elvis, Bob Marley und der Rest. Nachdem alle mit einer Maske ihrer Wahl ausgestattet waren, musste natürlich ein Foto gemacht werden. Eine Bande zum Teil scheinbar untoter Musiklegenden stand plötzlich im Nebenzimmer – die hat aber schon was, oder? 😉

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Später kamen dann noch ein paar kleine Gespenster und Hexen vorbei, die sich über eine Menge Süßigkeiten freuen durften. Während alle wieder unmaskiert am Stöbern waren, realisierte ich, welchen tatsächlichen Luxus wir durch die Existenz lokaler Einzelhändler haben: Die persönliche Beratung, eine Art (Kauf)Erlebnis, gute Gespräche und Spaß. Jetzt ist mein Text fast eine Ode an den Einzelhandel geworden – aber wenn ihr Musik so gerne mögt wie wir, schaut doch mal bei Lost and Found vorbei und lasst euch von den vielen Tonträgern beeindrucken. Wir haben bestimmt nicht zu viel Versprochen.

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1 Kommentar

  • Wunderbarer Artikel! Genauso isses!Dieser Laden ist eine Heimat für das Herz und die Vielseitigkeit, anscheinend genauso wie euer Magazin. Und das Fuldaer liebe ich in echt sehr, deshalb bin ich auch auf euch gestoßen. Brillante Namenswahl, gute Auswahl eurer Recherchen. Weiter so!
    Viele Grüße,
    Steffi Meyl

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