ES IST HERBST AUF KASSELS BALKON

14. Oktober 2016

Der Himmel grau, die Blätter bunt – es ist Herbst! Einer der schönsten Orte in Kassel ist für uns der Weinberg, der nicht nur im Sommer, sondern auch in den kalten Jahreszeiten zum Flanieren einlädt. Zwischen rot-braun glänzenden Kastanien und dem ersten gefallenen Laub findet man schon mal eine Walnuss. Wer die hierhin getragen hat – sei es eines der süßen braunen Weinberg-Kaninchen oder ein anderer Weinberg-Bewohner – bleibt offen. Wer Zeit mitbringt, kann auf einer der vielen aufgestellten Bänke Platz nehmen und die Augen offen halten. Ein warmes Sitzkissen aber bitte nicht vergessen! Uns blieb keine Zeit zum Sitzen, denn unser kleiner tierischer Begleiter – Spezies neugieriger Hund – wollte mit uns den Weinberg etwas genauer erkunden.

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So schauten wir direkt vom „Balkon“ herab auf die Frankfurter Straße, die sich ihren Weg durch die Südstadt bis nach Niederzwehren bahnt. Am Horizont eine Hügellandschaft und darüber ein grau-silbriges Wolkenmeer. Blickt man gen Westen über die Weinbergterrassen in die Ferne, sieht man den Herkules im Habichtswald thronen. Kein Wunder, dass der Weinberg als Balkon Kassels bezeichnet wird, so hat man hier – vor allem bei Sonnenschein – einen tollen Blick über den Süden und Westen der Stadt. Während ich mich Anfang Oktober ärgere, bei der Kälte keinen Schal angezogen zu haben, ist es Tatsache, dass hier im Mittelalter Weinanbau betrieben wurde. Während der Weinberg zeitweise das Interesse der Landgrafen genoss und sehr bald in einen Garten verwandelt wurde (daran erinnert noch immer der angrenzende Fürstengarten hinter dem Landesmuseum, zwischen Friedrichsgymnasium und der Murhardschen Bibliothek), verkaufte man Ende des 18. Jahrhunderts den fürstlichen Besitz an die Bürger – so entstanden dort viele Bürgergärten. In die Kalksteinfelsen wurden ab 1825 Stollen getrieben, die damals zur Biereinlagerung, also als Bierkeller, genutzt wurden. Auf dem Weinberg entstanden daraufhin ein paar Biergärten – wie gerne würden wir heute in einem dieser sitzen und bei Dämmerung den Blick auf die Stadt genießen! Im Laufe des 19. Jahrhunderts wichen die Gärten Häusern, man weiß ja, was mit „freien“ Grünflächen passiert. Die in Kassel wohl sehr bekannte Fabrikantenfamilie Henschel kaufte in dem Zuge das Weinberg-Areal Stück für Stück auf – aus Weinkellern und Lokalen wurde Henschel-Besitz. Um die Henschelvilla entstand die terrassierte Gartenanlage, die sich aufgrund der Abschüssigkeit des Baugrundstücks in der Form anbot. Das Haus Henschel, welches neben der Villa seinen Platz fand, sollte noch bombastischer sein. Im Zuge dieses Baus wurde übrigens die bogenartige Stützmauer um den Weinberg gebaut. Ein Blick auf ein altes Luftbild macht mich traurig: All die schönen Gebäude, die imposante Architektur, in Stein übersetzte Geschichte fiel der damaligen Zeit zum Opfer. Aus finanziellen Gründen abgerissen und im zweiten Weltkrieg zerbombt, bleiben uns heute nur noch ein paar Mauern der Bauten – zum Beispiel die Reste der alten Henschel-Gewächshäuser. Wie (viel) schön(er) Kassel doch war! Die Bierkeller wurden 1942 in Luftschutzbunker umgebaut, welche im Krieg vielen Menschen Zuflucht boten. Der Geschichte wegen, ist es schön, dass wenigstens diese nach wie vor erhalten sind und besichtigt werden können. Obendrauf bleiben uns natürlich auch Terrassen und das Grün, noch immer Henschelgarten genannt.

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Seit 2015 gehört das Museum GRIMMWELT zum Weinberg. Trotz der Bürgerinitiative „Rettet den Weinberg“, die die Grünfläche als barrierefreien Erholungsraum erhalten wollte, viel Kritik und Diskussion, begann der Bau. Zuvor hatte die Stadt Kassel einen Architekturwettbewerb ausgelobt, den schließlich kadawittfeldarchitektur gewann. Obwohl ich der ganzen „Bausache“ recht skeptisch entgegenstand, da ich den Weinberg für sein unbebautes Grün und die dort lebende Hasenpopulation liebte, besuchte ich die Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten im Hauptbahnhof. Was damals ein überschaubares Modell war, steht nun in groß auf dem Weinberg. Von der Frankfurter Straße aus gesehen, fügt sich das natursteinerne Museumsgebäude perfekt in die Landschaft der Terrassen ein – und besänftigt durch den sagenhaften Blick von seiner mit Stufen übersäten Plattform. Sinnbildlich für Kassel trifft hier altes auf neues, so wie es sich auch in der restlichen Stadt zwischen 50er Jahre-Bauten, Häusern aus der Gründerzeit und super Modernem verhält.

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Die GRIMMWELT, die an das ebenso architektonisch interessante Museum für Sepulkralkultur angrenzt, kann als weitere Terrasse gesehen werden. Auf ihr kann man Platz nehmen, denn die vielen Stufen bieten viel Sitzfläche mit Ausblick. Peanut gefiel es auch und nutzte die Fläche zum herumtollen.

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Gesäumt vom vielen Grün – altem Baumbestand und Beeten mit bunten Wildblumen – bringt die Grimmwelt bestimmt ein bisschen mehr Leben in die Idylle. An diesem Herbsttag teilten wir den Henschelpark nur mit einer Schulklasse, dessen Schüler sich Hand in Hand in einer Reihe aufstellten, bevor sie zum Ausflug aufbrach. Der Weinberg ist in toller Ort – mit viel Geschichte, Architektur, Ausblick und Natur. Die frische Luft hat übrigens nicht nur den Hund müde gemacht.

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Weit über die Stadtgrenzen hinaus trifft man Menschen, die Kassel nur als Stadt mit dem zugigen Bahnhof kennen. Und vor Ort beklagt man sich über das vermeintlich hässliche Stadtbild mit der eigentlich schmucken Architektur der 50er Jahre. Doch die Waschbärenhauptstadt ist in Wahrheit nicht bloß schön, nein, sie hat sogar einiges zu bieten - deshalb wurde 2016 "Fuldaufer" von Lena Gehrmann und Sebastian Tam gegründet. Sie zeigen, wie und wo sie Kassel erleben und bieten Inspiration für Kassel-Bewohner und -Besucher. Erlebt Kassel mit ihnen: Kreuz und quer, kulinarisch und kulturell!

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