EIN ZOO MITTEN IN DER STADT

06. April 2017

Ein Zoo mitten in Kassel? Was sich etwas verrückt anhört, schien jemandem selbstverständlich: Nämlich Horst Schwenk, der vor mehr als vierzig Jahren den Zoo am Rammelsberg am Rande von Wilhelmshöhe in Privatinitiative gegründet hat. Mittlerweile wird der Zoo in zweiter Generation von der Familie geführt und erfreut sich noch immer großer Beliebtheit – bei unserem Besuch war zumindest einiges los. Und das, obwohl man im Internet nicht nur positive Kommentare über den Tierpark findet. Anmerkungen, dass die Tiere nicht artgerecht gehalten werden würden, sie beengt lebten oder sie mit dem falschen Futter (wie Nudeln oder Keksen) vollgestopft werden würden, findet man rasch. Kinder soll der Zoo auf jeden Fall super gefallen. Als ich das letzte mal den Zoo besuchte, konnte ich die Kerzen auf meinem Geburtstagskuchen auch noch an beiden Händen abzählen. Ich weiß noch, dass es mir sehr gefiel, wie mir die Ziegen aus der Hand fraßen oder die Alpakas schräg aus der Wäsche guckten. Höchste Zeit meine Kindheitserinnerungen aufzufrischen und dem Zoo trotz unschöner Kommentare eine Chance zu geben. Lasst uns sehen, was sich abseits von Straßenbahn und Pflastersteinen am Roterkopfweg versteckt.

Beim Betreten des Zoos fällt gleich auf: Eintritt bezahlt man hier nicht. Der Zoo wird ausschließlich durch Spenden der Besucher oder den Eis- und Getränkeverkauf finanziert. Passend dazu findet sich gleich am Eingang eine Spendenbox mit dem Kiosk, der zahlreiche Sitzmöglichkeiten bietet. Verrückt scheint jetzt nicht nur die Existenz eines Zoos inmitten der Stadt, sondern auch, dass der Eintritt in einer gar kapitalistischen Welt umsonst ist. Vorbei an Futterbehältern, wo Besucher Brot, Salat, Möhren und auch (ja da sind sie!) Nudeln für die Tiere abgeben können, bahnen wir uns den Weg zum ersten Gehege, in welchem eine Horde Ziegen auf ein zweites Frühstück hofft. Das kriegen die Vierbeiner auch. Kinder über Kinder reichen ihre kleinen Hände durch die Gitterstäbe des Zaunes und reichen den Ziegen Brot und Salat an. Und die greifen zu. Auf der gegenüberliegenden Seite sind die Luchse schon beim Mittagsschlaf. Nicht so interessant für die Kleinen, wecken die Raubkatzen umso mehr Interesse bei uns. Sieht man sie im Sababurger Tierpark manchmal nur mit viel Geduld, liegen die Luchse hier nur dreißig Zentimeter vom Gitter entfernt in der Sonne und bräunen sich die Nase. Gemütlich scheint es hier wohl zu sein.

Und was sind das für welche? Riesen-Igel? Nennen wir sie Stachelschweine. Wenn es ums Futter geht, dann kommen sie gerne aus ihrer Höhle. Ziemlich zahm sind hier alle Tiere, dagegen ist mein Hund wie ein Insekt, das immer wegfliegt, wenn man es mit dem Fangglas schnappen will. Aber wahrscheinlich ist das nur eine Frage der Sozialisation, schließlich werden die Tiere hier tagtäglich von Fremden bestaunt. Ganz wie Pfau und Kaninchen, wobei letzteres ganz aufgeweckt zu schnuppern beginnt, als wir am Stall Halt machten.

Ihr müsst euch den Zoo wie eine lässige Wohngemeinschaft vorstellen, wo alle Tiere ein Zimmer in Form eines Geheges oder Stall haben und dabei auf einer Wellenlänge schwimmen. Sie werden alle gerne besucht, bestaunt, gefüttert. Die einen Vierbeiner mutieren wenn man am Gehege hält zu Showstars, die anderen blinzeln durch das Fenster. Gut möglich, dass so mancher tierischer Freund ein bisschen mehr Platz ‚im Zimmer‘ haben dürfte, doch die Tiere scheinen glücklich. Natürlich steht immer die Frage im Raum, ob man Tiere überhaupt in einem Zoo halten sollte oder ob sie nicht in die Wildnis gehören – es ist eine ewige Diskussion. Jedem Tierfreund, der sich an dieser Stelle empört, sei gesagt:  Das Kaninchen fühlt sich hier genauso wohl wie das Äffchen und der Waschbär ist mir lieber hier hinter Gittern am herumtollen, als vom Jäger erschossen. Das ist zwar wieder eine andere Diskussion, aber die Tiere leben hier schon seit 1974 als Kassler, Kasselaner oder Kasseläner.

Und da sind sie auch schon, die Banditen mit ihren Augenbinden, als kämen sie gerade vom Überfall auf des Nachbarn Mülltonne. Gegenüber wohnen die größten Showstars des Zoos – die Eichhörnchen. Ins Laufrad, auf den Ast, an die Decke, erstmal trinken. Sehr beeindruckend diese kleinen Artisten, die sich nicht scheuen, alle Funktionen ihres Geheges zu präsentieren. Auf Wolke 7 war ich hier, bis sich an mir eine Mutti mit einem Kinderwagen vorbeischob – in ihrer Hand eine Dose mit gesalzenen Erdnüssen. Während die Besucher am Eingang mit Hilfe eines Schildes aufgefordert werden, die Tiere nicht übermäßig zu füttern – was ja eigentlich schon logisch ist – setzt bei manchen Besuchern nach dem Lesen dieses Hinweises das Denken aus. Und so denke ich, dass keines der Tiere im Zoo gerne geröstete und gesalzene Erdnüsse vom Discounter isst. Das ist ein wirklicher Appell an den Menschenverstand, der sich auch auf andere Lebensmittel bezieht, die wohl uns Menschen besser schmecken als Tieren.



Bei so viel Aufregung wird man schonmal müde, was sich auch die Äffchen gedacht haben. So geht es direkt weiter zu den ‚Meeris‘, die durchs Stroh stapfen und auf Leckereien von den Besuchern hoffen. Sie blicken aus ihrem Käfig schräg auf ein paar Oldtimer, die zwischen den Tieren auf den ersten Blick als Fremdkörper erscheinen, aber doch irgendwie dazu gehören. Der Zoo ist immerhin ein Privat-Zoo und wird von Menschen betrieben, die eine Leidenschaft haben. In erster Linie sind das aber die Tiere – und das merkt man. Zwischen einheimischen Singvögeln findet man auch viele andere gefiederte Freunde, darunter Papageien oder… ist das ein FLAMINGO? Ja! Sogar Flamingos wohnen in Kassel, wenn man das nicht mal als unerwartetes Highlight bezeichnen dürfte.

Mit den rosa Vögeln ist unsere Runde im Zoo am Rammelsberg auch beendet – ausgelassen haben wir bloß die Schlangen, von denen ich nun wirklich kein großer Fan bin. Bevor wir gehen, lassen wir noch einige Taler in der Spendenbox, wobei wir uns einig waren, dass diese schon voller hätte sein müssen, wenn man bedenkt, wieviele Leute sich an diesem Morgen schon zwischen den Gehegen tummelten. Es ist ein echtes Geschenk – vor allem für Familien mit Kindern – mitten in Kassel einen Zoo zu haben. Und so sehr wir uns wünschten, das Zoo-Areal könnte zugunsten der dort bereits lebenden Tiere vergrößert werden (immerhin verrät ein Blick auf Google Maps, dass noch so manche Grünfläche vorhanden wäre), hilft euer Besuch, den Zoo zu unterstützen – sofern ihr auch ein paar Taler da lasst. Aber bitte lasst die gesalzenen Erdnüsse zuhause! Der Zoo hat in den Sommermonaten (bis Oktober) dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr geöffnet , feiertags und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr. In den Wintermonaten sind die Öffnungszeiten anders.


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