EIN NACHMITTAG AUF DEM KINDERBAUERNHOF IM WESERTOR

16. August 2017

„Als wir so alt waren wie du, haben wir in den Feldern Fangen gespielt, haben Baumhäuser gebaut. Wir haben uns in Höhlen aus Heuballen versteckt, haben Blumensträuße gepflückt. Wir haben einfach die Welt unsicher gemacht.“ Sätze wie diese hörte ich oft in meiner Kindheit – und das, obwohl ich nie ein „Stubenhocker“ war. Ich habe tiefe Erdlöcher gegraben, um mit Lehm kleine Teller zu formen, habe Boote aus Korken gebastelt und sie im Bach treiben lassen, habe Haselnüsse gesammelt, um sie für Eichhörnchen zu verstecken. Die Felder, auf denen meine Eltern spielten, waren Neubaugebieten gewichen – natürlich konnte ich nicht in der gleichen Weise im Freien spielen. Doch weil wir einen großen Garten hatten, konnte ich mich immer im Grün beschäftigen. Ein Baumhaus hatte ich jedoch nie, weil kein Baum in unserem Garten eine geeignete Baumkrone bot – wie sehr hatte ich mir ein Baumhaus gewünscht. Jetzt bin ich „erwachsen“ und meine Augen weiten sich noch immer, wenn ich beim Spazieren in einen Garten blicke und genagelte Holzbretter erkenne.

In Zeiten von Landflucht und des unaufhörlichen Baubooms in den Städten kommen nicht alle Kinder in den Genuss einer Kindheit, wie ich sie hatte. Nicht jeder hat einen Garten; aber ist das schon wichtig, wenn man stattdessen ein Smartphone hat? Oder einen Fernseher? Kinder interessieren sich doch gar nicht mehr für die Natur, gespielt wird digital! Und selbst wenn, nicht jeder hat genug Geld oder gar das Glück, ein Haus oder eine Wohnung mit Garten bewohnen zu können. Gut, dass es heute mitten in Kassel eine grüne Oase gibt, die Kindern und Jugendlichen genau das bietet, woran ich mich so gerne zurückerinnere. Die Rede ist vom Kinder- und Jugendbauernhof Kassel, der sich auf über 4500 Quadratmetern erstreckt und mit Streuobstwiese, Gemüsegarten und Tieren viele Abenteuer in der Natur verspricht.

Im Stadtteil Wesertor, zwischen Fuldaufer und Ahne gelegen, lässt nur der bunte Zaun erahnen, was sich hinter ihm verbirgt: Auf den ersten Blick ein riesiger Spielplatz, auf den zweiten Blick vielmehr. Während an den Vormittagen Schulklassen oder Kitagruppen das Angebot des Bauernhofs kostenpflichtig nach Terminabsprache nutzen können,  können Kinder- und Jugendliche im Rahmen eines offenen Nachmittagsangebotes ganz umsonst gärtnern, Tiere versorgen, spielen, klettern, basteln oder gemeinsam kochen und essen. Der Besuch auf dem Bauernhof ist für die Kinder dann kostenlos und es ist auch keine Anmeldung nötig. Das offene Nachmittagsangebot gilt dienstags bis samstags von 15 bis 18 Uhr, wobei jeder Tag einen eigenen Schwerpunkt hat. Dienstags wird beispielsweise im Garten gearbeitet: Da wird gesät und gejätet, bei den Schweinen darf gemistet werden und die Schafe wollen es auch schön haben. Donnerstags werden die Kochlöffel geschwungen, denn das gemeinsame Erntegut wird verarbeitet und zusammen verputzt. Bei dem Kochspaß darf dann natürlich nicht der Abwasch fehlen. Und freitags? Da dreht sich alles um die Biene. Eltern dürfen die Kids gerne begleiten, es sei denn es ist Dienstag oder Freitag, denn an diesen Tagen ist für Kinder ab 6 Jahren elternfrei. „Der Bauernhof ist ein außerschulischer Lernort. Die Kinder sollen Dinge mit ihren eigenen Augen sehen, anfassen, einfach mal machen. Sie brauchen nicht immer eine Mutti, die ihnen alles vor die Nase setzt. Wenn die Kinder Fragen haben, kommen sie schon von alleine“, erklärt Thomas Boll, Vorstandsmitglied des Vereins Kinder- und Jugendbauernhof Kassel e.V., das Konzept. Auch schwierige Kinder hätten hier Platz – anders als im Klassenraum gibt es genug Freiräume, sodass sich die Kinder austoben können. Thomas‘ 9-jährige Tochter und sein 7-jähriger Sohn hätten auf dem Bauernhof immer viel Spaß, was wir direkt beobachten können. Bewaffnet mit einer Gießkanne voll Wasser, macht sich Thomas‘ Nachwuchs für eine Wasserschlacht bereit.

Während draußen geplanscht wird, arbeitet Thomas im Haus. In der Küche knetet er selbst angesetzten Sauerteig, der später im selbstgebauten Lehmofen zu Brot werden soll. „Kinder kneten gerne Teig, es ist mir wichtig, dass sie lernen, wie das funktioniert. Es ist eine Gefühlssache, aber eben genau dieses Gefühl zu haben, ist wichtig“, so Thomas. Schon kommt ein kleines Mädchen in die Küche, fragt neugierig „was machst du für Brot, Thomas?“. „Ein ganz herzhaftes und ein Ciabatta“, antwortet er vorfreudig. Später würde er gemeinsam mit den Kindern und den anderen Mitarbeitern vom Bauernhof das Brot mit Honig vom eigenen Bienenvolk und Marmelade essen.

Bevor es uns wieder nach draußen verschlägt, zeigt Thomas uns das Haus, in welchem nicht nur gemeinsam gekocht werden kann. Eine große Leinwand lässt erahnen, dass es hier auch die ein oder andere Filmnacht gibt, oder wie zuletzt eine Expertennacht. „Wenn die Kinder beispielsweise mindestens dreimal bei den Schweinen gemistet haben, dann sind sie Schweine-Experte. Dann dürfen sie auch ohne Aufsicht ins Gehege“, so Thomas. Vorbei an der behindertengerechten Toilette und Dusche, in welcher die Kinder wunderschöne Mosaiken geklebt haben, gelangen wir zurück in den Garten, wo wir uns noch genauer umschauen. Wo am Anfang ein Bauwagen mit ein paar Kaninchen stand, leben jetzt einige Hühner und Kaninchen, drei Schweine, vier Schafe und ein paar tausend Bienen. Zwischen Indianerbeet (Mais, Bohnen, Kürbis), Sandkasten und Badewanne am Lagerfeuer (zum Winterbaden!) läuft uns Hahn Serkan über den Weg, der schnurstracks in Richtung des Schweine-Geheges rennt. Die Schafe sind nämlich gerade beschäftigt, da Marie, die neben ihrem Engagement auf dem Bauernhof an der Uni Soziale Arbeit studiert, zum Scheren der Schafe in die Scheune gekommen ist.

Während Gruppen, vormittags für das Angebot auf dem Bauernhof bezahlen müssen, wird unter anderem das freie Nachmittagsprogramm mit Hilfe einiger Sponsoren, wie z.B. der Well Being Stiftung, Starcare oder aber der Stadt Kassel quer finanziert oder durch Spenden unterstützt. Als Privatperson kann man beispielsweise Mitglied im Verein werden oder eine Tierpatenschaft übernehmen.

Als ich ein Schaf streichele, erinnere ich mich an einen Ausflug zu Grundschulzeiten. Ein Klassenkamerad war damals in eine ganze Menge Schafmist getreten. Seit nun 10 Jahren können Kinder auf dem Bauernhof zwischen Fulda und Ahne ähnliches erleben und sich später erinnern. Eines  werden sie mir immer voraus haben: Sie können sich an das riesige Baumhaus erinnern, auf dem sie Nachmittag für Nachmittag herumtollten. Davon konnte ich als Kind bloß träumen.


4 Kommentare

  • Werner Gröll

    möchte mit meinem Enkel zum Bauernhof. gebt mir doch bitte die genaue Adresse

    • FULDAUFER

      Hallo Werner,
      die Adresse ist Am Werr 8, 34125 Kassel. Den Bauernhof findest du also zwischen Katzensprung und Hafenbrücke. Da man vor Ort nicht mit dem Auto parken kann, bietet es sich an, mit der Straßenbahn zu kommen (Linie 3, 6 + 7 Haltestelle Katzensprung).
      Viele Grüße, Fuldaufer

  • Catherine Garo

    Wunderschön, toll gemacht! Auch mein kleines Paradies seit über 5 Jahren…..
    Vielen, vielen Dank!
    Catherine

    • FULDAUFER

      Hallo Catherine,
      vielen Dank für die Blumen, wir freuen uns immer sehr, wenn euch unsere Beiträge gefallen. 🙂
      Liebe Grüße, Fuldaufer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ÜBER FULDAUFER

Weit über die Stadtgrenzen hinaus trifft man Menschen, die Kassel nur als Stadt mit dem zugigen Bahnhof kennen. Und vor Ort beklagt man sich über das vermeintlich hässliche Stadtbild mit der eigentlich schmucken Architektur der 50er Jahre. Doch die Waschbärenhauptstadt ist in Wahrheit nicht bloß schön, nein, sie hat sogar einiges zu bieten - deshalb wurde 2016 "Fuldaufer" von Lena Gehrmann und Sebastian Tam gegründet. Sie zeigen, wie und wo sie Kassel erleben und bieten Inspiration für Kassel-Bewohner und -Besucher. Erlebt Kassel mit ihnen: Kreuz und quer, kulinarisch und kulturell!

Fuldaufer in dein E-Mail-Postfach?

© FULDAUFER 2017 ÜBER UNS / KONTAKT / IMPRESSUM
FOLLOW US