EIN KULTMUSICAL: „HEDWIG“ IM STUDIO LEV

28. Mai 2017

Wir haben euch etwas ganz feines mitgebracht – die schönsten Bilder, die wir von der bezaubernden Hedwig im Studio Lev knipsen konnten. Totale Verwirrung? Weil ihr es seid, fangen wir mal ganz von vorne an: Das Studio Lev Kassel e.v. ist ein Verein, der schon seit 2009 Bühnenprojekte mit jungen Erwachsenen in der Region realisiert. Während das Studio Lev zuvor mit fast jeder Produktion an einem anderen Spielort zu Gast war, hat es seit kurzem auch einen eigenen Spielort, ja ein richtiges Zuhause (Grüner Weg 40)! Der Verein kann sich also nicht nur besser in der Kasseler Kulturszene verorten, sondern auch stärker wirken und wachsen. Wenn das nicht mal gute Nachrichten sind! Da ist aber noch etwas, dass wir euch nicht vorenthalten möchten…

Nach Bühnenbau und Proben (um den gesamten Prozess so kurz wie möglich zu fassen und um nicht das Bürsten von Perücken oder das Polieren von Tafelsilber zu erwähnen) trat endlich die „weltweit ignorierte Chanteuse“ Hedwig im Studio Lev auf. Sie ist nämlich gerade auf Tour mit ihrem Ehemann Yitzhak, und lässt keinen schäbigen Club aus, um ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Nicht einmal das Studio Lev – wobei das auch vielmehr mit Charme besticht. Im Klartext: Am 26. Mai feierte das Kultmusical „Hedwig and the Angry Inch“ mit den Musical-Profis Andreas Bieber als Hedwig und Alice Macura als Yitzhak Premiere. Während zum ersten Mal ein Studio Lev-Musical mit professionellen Darstellern besetzt wurde, hatten die Nachwuchstheatermacher die komplette Organisation und all‘ das Drumherum selbst im Griff. Und das hatten sie, aber mal sowas von!

Nachdem wir wortwörtlich in Hedwigs Welt eingetaucht sind – irgendwo zwischen der DDR und Amerika – und uns mit kühlen Drinks von der Bar ausgestattet haben, dauerte es nicht mehr lange bis zum tosenden Applaus: Was für eine Erscheinung! Im Glitzerfummel und Brokat-Kimono stöckelt der Star des Abends – Hedwig – mit sanftem Schritt auf die Bühne und lässt keinen Moment aus, sich feiern zu lassen. Obwohl sie uns erst zu ihrem „einzigen Konzert in Göttingen“ begrüßt und uns wissen lässt, wie gut es ihr in unserem schönen Kassel (nicht) gefällt, zieht uns die Ost-Berlinerin mit ihren Songs zwischen Rock’n’Roll, Glam-Rock, Country und Grunge in den Bann.

„Für die Freiheit muss man ein Stück von sich aufgeben“

Von der katastrophalen Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau, bei welcher Hedwig am Ende nur ein „Angry Inch“ (ein „zorniger Zentimeter“) blieb, über die Auswanderung mit „Sugardaddy Luther“ nach Amerika, bis zum Zustand der  einsamen Verlassenen – Hedwig hat mit dem vollen Programm zu kämpfen. Gurken, Donald Trump, Atompilze, Rot – OK, das verwirrt euch wieder, aber das lassen wir mal unkommentiert im Raum stehen. Und während in Deutschland die Wiedervereinigung angesagt ist, ist Hedwigs innere Einheit irgendwo zwischen Himmel und Erde. Und dann war da noch dieser Tommy Gnosis…

Hedwig lässt uns fühlen, was es bedeutet „zwischen den Stühlen“ zu stehen. Dabei ist sie ein Mensch wie Er oder Sie, ja wohl auch ein Mensch wie Du. Jemand, der geliebt werden möchte, ganz unabhängig von Gender, Identitätsempfinden, sexueller Orientierung oder Herkunft. Mit Witz und Charme wird das Publikum in das Musical mit einbezogen – haltet stets euren Schoß frei, das würden wir euch raten! 😉 Für viele Lacher sorgt auch Alice Macura als Hedwigs Ehemann Yitzhak, die es tatsächlich schafft, die volle Spieldauer eine derart unzufrieden-gelangweilte Schnute zu ziehen, wie ich es von mir nur aus dem Mathe-Unterricht zu Schulzeiten kenne. „Aber wo waren wir stehen geblieben? Genau, bei mir!“ Und weiter geht die Hedwig-Show. Mit „The Angry Inches“ an Gitarren, Bass und Drums fällt es schon fast schwer, bei allen elf Songs ruhig sitzen zu bleiben.

Nach über zwei Stunden in Hedwigs Welt haben wir verinnerlicht, dass Andreas Bieber wahnsinnig sympathische Lachfalten hat, dass es nichts gibt „was du nicht selbst erreichen kannst“ und dass das Studio Lev ein fantastischer Ort ist, in dem gezaubert wird. Kein Wunder also, dass das Publikum nicht mehr aus dem Applaudieren kommt, wenn die letzten Töne von „Midnight Radio“, dem letzten Song, ausklingen. Unter der Produktionsleitung von Svenja Schröder und der Regie von Philipp Rosendahl hat das Team von Studio Lev ein ergreifendes und vor allem mitreißendes Musical auf die Bühne gebracht, das uns noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die Kids von heute würden kurz und knapp sagen, dass das Musical ziemlich (Vorsicht, es folgt ein englischer Ausdruck) „real“ ist. Und weil wir ja auch noch nicht die ältesten Hasen sind und keine besseren Worte dafür finden, stimmen wir da mal mit ein.

Wir können euch nur wärmstens ans Herz legen, euch von „Hedwig and the Angry Inch“ verzaubern zu lassen. Nicht nur, weil wir die Arbeit vom Studio Lev sehr schätzen und sie einen wichtigen Beitrag in Sachen Kultur leistet. Das Musical ist pfiffg und modern umgesetzt und es ist der Wahnsinn, was die NachwuchstheatermacherInnen auf die Beine gestellt haben. Schmeißt euch die Federboa um, kramt die Fliege aus der Schublade oder kommt am besten so wie ihr seid – alle Hedwigs dieser Welt sind willkommen! Karten findet ihr übrigens hier!


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