DAS SCHILLERVIERTEL »NATURBAN« ERLEBEN

25. September 2016

Das Gebiet zwischen Hauptbahnhof und Wolfhagerstraße im Stadtteil Nord-Holland ist vor allem bekannt für Prostitution, Kriminalität und Drogen. Man fährt rasch mit dem Auto vorbei, verschließt die Augen vor dem, was man nicht sehen will. Doch eines sollte man sehen: Im Schillerviertel tut sich was! Und zwar ganz viel. Vergangenen Samstag machten wir uns im Rahmen des unter dem Motto „naturban“ stattfindenden Rundgangs ein eigenes Bild von den – wir verraten es euch schon – tollen Entwicklungen. Der Rundgang gliederte sich in mehrere kleine Veranstaltungen zwischen 16 und 22 Uhr, die von Führungen zu Graffiti-Arbeiten im Stadtteil, Streetdance, Performances und Aktionen bis hin zu Ausstellungen in den offenen Ateliers im Viertel reichten.

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAMFuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-6

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-2

Wir fanden uns gegen 18 Uhr am Foto-Motel an der Wolfhager Straße 53 ein, wo wenige Minuten später die Führung zu Graffiti-Arbeiten im Viertel starten sollte. Dustin Schenk, der super sympathische Initiator des seit letztem Jahr entstehenden Graffiti-Rundgangs, begrüßte uns und verwies während wir noch auf weitere Teilnehmer der Führung warteten, auf die Aktionen, die wenige Zentimeter neben uns in vollem Gange waren: Im Rahmen eines Graffiti-Workshops am Stattauto bekam dieses ein buntes Kostüm, gleich dahinter entstand eine ebenso farbenfrohe Kunstsäule, die zukünftig vielleicht mit aktuellen Informationen bestückt werden soll. Bunt – eines der bezeichnenden Adjektive für das Schillerviertel – sollte auch unser Abend werden.

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-4

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-7

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-5

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-11

Dann ging es auch schon los. Unser erster Stopp war die Ecke Wolfhager Straße/Erzbergerstraße. Jea Yun Lee verewigte sich dort mit ihrer Malerei „Fadenspiel“. Nicht nur schön anzusehen und ein wahrer Farbklecks in dem teils grauen Viertel, hat jedes Kunstwerk eine (Hintergrund)Geschichte. Als Kind habe die Künstlerin manchmal mit Freunden das Fadenspiel gespielt, erzählt Dustin. Man übergibt die Fäden, Hände berühren sich, die Fäden kreuzen sich an anderen Stellen, es entstehen neue Figuren. Diese Verknüpfungen überträgt Jea Yun Lee auf das Viertel – in den Straßen leben und treffen sich unzählige Menschen. Sie sind miteinander verknüpft, wie die Fäden im Spiel, und doch folgt jeder seinem eigenem Faden (im Leben). Wir bewunderten Blanche Noirs „Sweet Child in Time“, die ein bestehendes Graffiti in ihre neue Malerei integriert hat. Nicht viel weiter stehen wir vor einem Haus, das mit Zugvögeln geschmückt ist. „Take Off“ nennt sich das Wohnheim – die Botschaft des Künstlers ist hier eindeutig.
Ein paar Schritt und schon stehen wir vor einer von Marcel de Medeiros gestalteten Wand. Marcel, in São Paulo geboren und seit rund 10 Jahren eine Schlüsselfigur in der Kasseler Graffiti-Szene, ist Kurator und Gründer des „Raum für Urbane Experimente“ und bestückt die Unterführungen am Holländischen Platz und am Weinberg mit viel Graffiti-Kunst. An dieser Wand legt er geometrische Formen übereinander, die sich überschneiden und schließlich in Gesichtern und Grimassen verschmelzen. Auch Dustin malt Graffitis; hier eine mathematische Abfolge. Der Kreis als erste Dimension, es folgt die zweite Dimension und das Dreidimensionale – schließlich bewegt sich das ganze in die Relativität, welche in Form eines Totems verbildlicht wird. Das sei Dustins Kultur.

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-8

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-9
Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-10 
Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-12
Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-13 

Plötzlich denken wir an Jea Yun Lees Malerei zurück: So wie die Fäden beim Spiel verbinden, verbindet im Viertel die Kunst – und versucht vor allem viele Menschen einzubinden: Im Rahmen eines Workshops mit Pepe Siebenzahl entstand 2015 eine Wandmalerei, die im Ganzen stark an die East Side Gallery erinnert. Pepe legte mit seinen Zeichnungen an der Wand vor – die am Workshop teilnehmenden Kids durften diese ausmalen und auch gerne aufbrechen. „Eine Linie ist zum Ausprobieren da!“, sagte Dustin ganz passend. Das Ergebnis ist eine wahre Bereicherung zwische Beton und Putz.

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-14 Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-15 Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-16

Während zwischen den Häusern die Sonne allmählich unterging, staunten wir über die zurzeit auf Instagram sehr prominente Hauswand in der Sickingenstraße. Es ist aber auch verständlich, dass niemand einen Schnappschuss von Liqens Malerei „Cube“ in seinem Instagram-Feed missen will, so eindrucksvoll und gesellschaftskritisch zugleich das Kunstwerk ist. Menschen stecken ihre Köpfe in Würfel aus Stein, was bleibt ist Qualm, der aus Schornsteinen emporsteigt. Der mexikanische Künstler malte an der Wand, die sich auf dem Gelände des ASB befindet, rund zwei Wochen. Insgesamt zog sich der Entstehungsprozess über 3,5 Wochen, denn als der Künstler in Kassel ankam, kannte er weder die Wand, noch hatte er Entwürfe angefertigt. Beeindruckt von diesem Werk, zogen wir zum nächsten und letzten für diesen Abend. Die Grafitti-Szene ist eine Männerdomäne, so merkte man, dass Dustin ein wenig stolz war, als er uns die Graffiti-Arbeit von Pau Quintanajornet präsentierte. Sie konnte man als erste internationale Künstlerin für das Projekt im Schillerviertel gewinnen. Zur Eröffnung des Studentenwohnheims im Schillerviertel erschien im Mai übrigens ein Pilot-Magazin, das Dustin auf dem Foto weiter unten in die Kamera hält.

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-17 Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-18 Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-19

Ganz klar: Die kleine Graffiti-Galerie soll das Schillerviertel aufwerten. Eine tolle Idee wie wir finden. Noch besser gefällt uns, dass hier gemeinsam gestaltet wird und das Miteinander groß geschrieben wird. So gründet sich sinnvollerweise der gemeinnützige Verein SchillerViertel e.V.! Dass das Schillerviertel sich aber nicht nur optisch entwickelt, sondern auch von innen zusammenwächst, haben wir nicht zuletzt an der tollen Atmospähre gemerkt, die an diesem Abend in den versteckten Innenhöfen und Ateliers herrschte. Hinter dem Foto-Motel trat Axel Kretschmer als „Der Bierinhalator“ auf und brachte das Publikum zum Schmunzeln. Nach der Performance führte uns unser Weg in die Schillerstraße.

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-20

Dort, etwas versteckt, befindet sich das Atelier von Nasira Turganbaj. Die studierte Keramikerin bot uns einen Einblick in die Räume, in denen ihre Kunst entsteht. Sie fertigt unter anderem Vasen, Schalen und Tische aus Keramik an, die mit ihren individuellen Strukturen begeistern. Was uns noch mehr begeisterte, war die Energie, die Nasira versprühte. Schon jetzt freuen wir uns, sie auf der Kunstmesse Kassel (7.-9. Oktober) besuchen zu können. Und um auf das Motto „naturban“ zurückzukommen – wahrscheinlich eher zufällig, empfinde ich dieses Adjektiv mehr als passend für Nasiras Arbeiten. Die Strukturen und Muster, nahezu eine Verkörperung der Natur als solche, schmücken die in ihrer Formensprache urban wirkenden Gegenstände.

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-23

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-22
Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-21 
Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-24 Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-25 Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-26

Kurz vor müde machten wir noch einen Abstecher zum Kunst-Balkon in der Sickingenstraße. An bunten Mosaiken vorbei, betrachteten wir im ersten Stock noch einige Kunstwerke. Unser Fazit: Das Schillerviertel ist im Kommen und hat (überraschenderweise) mehr zu bieten, als man sich nur vorstellen kann. Die Kreativwirtschaft im Zentrum des Viertels, nicht nur junges Volk in Form von Studenten, ganz viel Graffiti/Kunst/Buntes, ein Mitgliederladen für Bio-Lebensmittel, .. , und ganz viele Ideen.
Macht die Augen auf und steigt mal aus euren Autos aus, hier gibt es was zu sehen!

Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-27
Fuldaufer-Kassel-Schillerviertel-Kunst-Kultur-Atelier-Graffiti-Nordstadt-Erkunden-LENA-GEHRMANN-SEBASTIAN-TAM-28


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ÜBER FULDAUFER

Weit über die Stadtgrenzen hinaus trifft man Menschen, die Kassel nur als Stadt mit dem zugigen Bahnhof kennen. Und vor Ort beklagt man sich über das vermeintlich hässliche Stadtbild mit der eigentlich schmucken Architektur der 50er Jahre. Doch die Waschbärenhauptstadt ist in Wahrheit nicht bloß schön, nein, sie hat sogar einiges zu bieten - deshalb wurde 2016 "Fuldaufer" von Lena Gehrmann und Sebastian Tam gegründet. Sie zeigen, wie und wo sie Kassel erleben und bieten Inspiration für Kassel-Bewohner und -Besucher. Erlebt Kassel mit ihnen: Kreuz und quer, kulinarisch und kulturell!

Fuldaufer in dein E-Mail-Postfach?

© FULDAUFER 2017 ÜBER UNS / KONTAKT / IMPRESSUM
FOLLOW US