BIENEN IN DER SÜDSTADT

23. Mai 2017

Am vergangenen Wochenende fand zum fünften Mal das Galeriefest in der Kasseler Südstadt statt. Die Frankfurter Straße verwandelte sich in einen Flur offener Türen, hinter denen Kunst zum Bewundern, Diskutieren und Verweilen wartete. Neben den Ausstellungen in den Galerien fanden auch Performances, Lesungen, Konzerte und Führungen statt. Da die Sonne nur von wenigen Schäfchen-Wolken gesäumt war und es sich unsere Sonnenbrillen schon auf der Nase gemütlich gemacht hatten, kehrten wir der Kunstmeile schnell den Rücken und stapften den üppig bepflanzten Weinberg empor. Oben angekommen, am Museum für Sepulkralkultur, schlossen wir uns den Stadtimkern Michael Hertweck und Thomas Boll an, die im Rahmen des Galeriefestes zum Gespräch über die Bienenkulturen einluden. Denn auch am Fuße des Museums – an der Spitze des Weinberges – finden sich viele fleißige Künstler. Ihr Kunstwerk – und das lobte schon Charles Darwin – ist ein wahres Meisterwerk: Es sind ihre Waben. Ein Besuch am Bienenstand am Weinberg.

Der Bienenstand, im Moment bestehend aus zwei Bienenstöcken, hat eine tolle Aussicht über das grüne Herz von Kassel: die Karlsaue und die Südstadt. Er bietet den Bienen eine einmalig üppige Speisekarte. Obstbäume und Sträucher im nahen Kleingartengelände, große Stadtbäume wie Akazie, Linde, Kastanie, die prachtvollen Blumenrabatten unterhalb der schönen Aussicht und die vielen Hausgärten sorgen für einen kontinuierlichen Nektarstrom. Gerade im Moment, wo alles blüht, haben die Bienen einiges zu tun und kommen mit vollen Hosen nach Hause.

Kein Wunder also, dass es vor den gestreiften Freunden in der Luft nur so wimmelt. Bevor Thomas uns eine Wabe zeigen kann, lenkt er die Bienen mit dem Smoker (einem Gerät zur Raucherzeugung) ab. Die Bienen empfinden den Rauch als Bedrohung und sind deshalb mit „Sicherheitsvorkehrungen“ beschäftigt, sodass sie Thomas kaum wahrnehmen und er seiner Arbeit am Bienenstock beruhigt nachgehen kann. Ebenso beruhigt können wir die Struktur der Waben bewundern und eine Fingerspitze des süßen Goldes aus den Sechsecken kosten, bevor die Wabe wieder im Bienenstock verschwindet. Ein zufriedenes Schmatzen macht die Runde.

Bevor es zur Verkostung des Honigs und weiteren Produkten der Imker geht, lernen wir noch, wieso Bienen (auch in der Stadt) so wichtig zu (er)halten sind. Wenn es keine Bienen auf der Welt gäbe, hätte das einen enormen Einfluss auf die Biodiversität der Pflanzen. Denn: Bienen brauchen den Nektar der Pflanze als Nahrung zum Überleben – aber die Pflanzen brauchen ebenso einen Bestäuber, um ihre Pollen zu verbreiten, damit sie sich vermehren können. Ohne Bienen müssten wir nicht nur auf die farbige Blütenpracht in der Stadt verzichten; Insekten, Vögel und andere Tiere, die auf Pflanzen als Nahrungsquelle angewiesen sind, würden verhungern. Auch unsere Nahrungsmittel wären betroffen. Die Verfügbarkeit vieler Obst- und Gemüsesorten, Nüsse und Öle haben wir Bienen zu verdanken. Bienen sind das drittwichtigste Nutztier nach Schwein uns Rind und – abgesehen davon – ein wichtiger Bestandteil unseres sensiblen Ökosystems. Und das beste: Ihr Honig ist gesund und tausendmal gesünder als Nutella. (Wir durften erfahren, dass viele Grundschüler keine Ahnung haben, was Honig ist und dass er ein gesundes Naturprodukt darstellt, ohje! Liebe Eltern, morgen darf es gerne eine Stulle mit Honig zum Frühstück geben).

Genug gefragt, genug gelernt. Von der grünen Oase ging es auf Pflastersteinen zur urigen Kneipe. Im Weinbergkrug sollten wir nämlich den Honig kosten, der so fleißig von Kasseler Stadtbienen gesammelt wurde. Auch Marmelade, Likör und Bier kann man aus dem Honig mit der süßen Kassel-Note zaubern. Bei der nächsten Grillparty ist es also völlig egal, wenn mal ein paar Bienen ihre Runden durch den Garten ziehen. Sie machen nur ihre Arbeit. Oder sagen wir lieber etwas anderes, weil es so gut zu Kassel passt: Sei es auf die Waben, das Bier und Honig oder die vielerorts verbreitete Blütenpracht bezogen, sie machen nur ihre Kunst!


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