DOCUMENTA-STARTSCHUSS MIT KÜNSTLERIN MARTA MINUJÍN

23. Oktober 2016

Mittig, zwischen den roten Bänken auf dem Friedrichsplatz fand man vergangenen Samstag eine knapp 30 cm tiefe Grube vor. Bedeckt mit Schaufel und Spitzhacke, fragte sich so mancher Passant, was hier schon wieder im Gange ist. Vor dem Fridericianum standen zwei grüne Pavillons, unter deren Dächern sich bei leichtem Nieselregen einige Menschen aufhielten. Kurz darauf wird eine Box aus dem linken Pavillon geschoben. „documenta 14“ verraten die schwarzen Buchstaben auf der weißen Plane, die die Box verkleidet. Darunter, die Termine für die Kunstausstellung, die im kommenden Jahr in Kassel und in Athen zugleich stattfinden soll. Spätestens jetzt sollte es den meisten dämmern – hier ist Kunst los. Oder wie es sich für unser Kassel im Vorfeld der alle fünf Jahre stattfindenden Ausstellung gehört: Die documenta ist los!

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Für den inoffiziellen Auftakt der documenta 14, die nächstes Jahr zuerst in Athen und anschließend in Kassel Magnet für Kunstinteressierte aus aller Welt sein wird, sorgte die argentinische Künstlerin Marta Minujín. Für die erste künstlerische Arbeit der documenta sammelt Minujín bereits verbotene Bücher: Aus diesen soll „The Parthenon of Books“, zu deutsch „Der Parthenon der Bücher“, entstehen. Zur Realisierung der Installation benötigt sie 100.000 Bücher, weshalb sie die Öffentlichkeit, Verlage und AutorInnen einlädt, einst oder gegenwärtig verbotene Bücher zu spenden – sodass die WohltäterInnen durch ihre Buchspenden selbst Teil des Kunstwerks werden. Mit ihrem documenta-Beitrag möchte Minujín, welche im nächsten Jahr 74 Jahre alt wird, ein Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser und Verfasserinnen setzen. So ist es sehr passend, dass „The Parthenon of Books“, der nach dem Vorbild des Tempels auf der Athener Akropolis errichtet werden soll, seinen Platz auf dem Friedrichsplatz finden wird. Hier wurden am 19. Mai 1933 im Zuge der sogenannten „Aktion wider den undeutschen Geist“ um die 2.000 Bücher von den Nazis verbrannt. Acht Jahre später, 1941, fing das damals als Bibliothek genutzte Fridericianum bei einem Bombenangriff der Aliierten Feuer. Bei diesem Vorfall ging ein Buchbestand von rund 350.000 Bänden verloren. Hier werden also nicht nur vergangenen und aktuellen(!) Schicksalen Gehör verliehen, sondern auch Kasseler Geschichte aufgegriffen. Während der Athener Parthenon ästhetisch und politisch das Ideal der ersten Demokratie repräsentiert, passt eine Übertragung des historischen Bauwerks als Kunstinstallation nicht nur gut zur Idee Minujíns, mit ihrem Kunstwerk ein wichtiges und aktuelles politisches Zeichen zu setzen, sondern auch zum Titel der nächsten documenta: „Learning from Athens. Von Athen lernen.“

So wundert es nicht, dass sich viele Kasseler am Samstag auf dem Friedrichsplatz versammelt haben, um erste Bücher zu spenden. Das kann man per Post oder aber an den extra eingerichteten Sammelstellen, wie zum Beispiel an der vor dem Fridericianum aufgestellten Spendenbox. Viele nutzten schon gleich die Gelegenheit, ein Formular auszufüllen, welches jedem Buch beigelegt werden sollte, und ließen ihr Buch in die Box plumpsen. Das Formular sollte auf jeden Fall ausgefüllt werden, denn in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel werden alle gespendeten Bücher gesichtet, validiert und katalogisiert.

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Wahrscheinlich wären nicht so viele Menschen sofort zum „Buchspenden“ gekommen, wenn es nicht noch einen anderen Grund gegeben hätte, das warme Wohnzimmer gegen den Friedrichsplatz bei kriechender Kälte und Regen einzutauschen. Um 15 Uhr sollte die Grundsteinlegung für „The Parthenon of Books“ erfolgen. Um diese symbolische Geste zusammen mit der Künstlerin Marta Minujín und dem Kurator Pierre Bal-Blanc nachzuvollziehen, kann man also schon mal das Kaffeetrinken ausfallen lassen. Da wohl ziemlich viele dieser Ansicht waren, mussten wir uns wirklich ins Zeug legen, um für euch ein paar spannende Aufnahmen zwischen drängelnden Fotografen und aufgeregten documenta-Fans zu machen.

Und da war sie schon – trotz frecher blonder Mähne und Sonnenbrille, nein, nicht Lady Gaga – Marta Minujín in Begleitung von Pierre Bal-Blanc. Dem Blitzlichtgewitter folgten (im Nachgang aus dem französischen und aus dem englischen übersetzte) Reden der beiden, in welchen sie Idee und Konzept des Kunstwerkes vorstellten. Dann war es schon fast soweit: Zusammen mit einer Traube von Journalisten und jungen und alten Kunst-Interessierten, liefen Minujín und Bal-Blanc den Grundriss des zukünftigen Parthenon ab. Die Eckpunkte bereits mit Pflöcken abgesteckt, schlug Marta die ersten noch symbolisch mit einem Hammer in die Erde. Bald sollte der Grundriss abgelaufen sein, sollte da doch nicht dieses rote Band sein…

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Das Band rollte man zu Beginn nämlich nicht geschickt vom „Knäuel“ ab, sondern verwandelte es in einen verhedderten Haufen roter Kordel. Sympathisch lächelnd ließen sich Künstlerin und Kurator jedoch nicht davon abbringen, den Haufen zu entwirren: Nach kräftigem Ziehen und einigem Zerren musste dann doch öfter mal die Schere und ein paar schöne Knoten Abhilfe leisten.

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Die Kordelenden am ersten Pflock vereint, trugen Minujín und Bal-Blanc vor den Augen unseres Oberbürgermeisters Betram Hilgen, der dem künstlerischen Treiben schon von Beginn an beiwohnte, ein Modell des Parthenon in die Mitte des Friedrichsplatzes – zur Grube. In diese warf Minujín zwei Publikationen – auf einem der zwei Cover ihr Konterfei – und bedeckte sie mit ein paar Schaufeln voll Erde. Der Grundstein des hier entstehenden Parthenon war also gelegt. Nicht nur Pierre Bal-Blanc beteiligte sich mit einem breiten Grinsen beim Schaufeln: Jeder, der wollte, durfte mal ran. So gab man sich hier die Schaufel in die Hand, auch Sebastian füllte die Grube mit einem bisschen Erde. Wieder geebnet, fand nun das Parthenon-Modell seinen Platz auf der ehemaligen Grube. Was wir jetzt in klein sehen, wird bald in groß (immerhin 70 mal 30 Meter sollen es werden!) den Friedrichsplatz schmücken.

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Nach diesem gemeinsamen „Event“ ging es schließlich mit Buchspenden weiter – auch Oberbürgermeister Bertram Hilgen brachte ein Buch mit. Während wir nun unsere Regale nach entbehrbaren „verbotenen Büchern“ durchforsten, freuen wir uns schon ziemlich auf das nächste Jahr. Ob wir es nach Athen schaffen, wissen wir noch nicht. Aber eines scheint sich schon jetzt abzuzeichnen: Die documenta-Stadt wird wieder mit großer zeitgenössischer Kunst aufwarten.

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Weit über die Stadtgrenzen hinaus trifft man Menschen, die Kassel nur als Stadt mit dem zugigen Bahnhof kennen. Und vor Ort beklagt man sich über das vermeintlich hässliche Stadtbild mit der eigentlich schmucken Architektur der 50er Jahre. Doch die Waschbärenhauptstadt ist in Wahrheit nicht bloß schön, nein, sie hat sogar einiges zu bieten - deshalb wurde 2016 "Fuldaufer" von Lena Gehrmann und Sebastian Tam gegründet. Sie zeigen, wie und wo sie Kassel erleben und bieten Inspiration für Kassel-Bewohner und -Besucher. Erlebt Kassel mit ihnen: Kreuz und quer, kulinarisch und kulturell!

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